Markus Plohn

Der König vom Großen Basar

Ende Oktober ging es direkt nach der Stadtmeisterschaft für Schuarl, Bernd und mich an den Bosporus zum Mehrtage-OL „Istanbul 5 Days“. Aufgrund der bevorstehenden Wahlen am Sonntag wurde das Programm leicht geändert: der Sprint im Großen Basar wurde von Sonntag Vormittag auf Freitag Abend als Nachtsprint vorverlegt und aus der Gesamtwertung gestrichen. Dadurch zählten nur die vier Waldläufe für die Gesamtwertung, dafür gab es am Freitag zwei Wettkämpfe.

Leider meinte die Fluglinie, dass mein Gepäck nicht so wichtig wäre und lieferte es erst zwei Tage später. Zum Glück hatte ich eine Laufgarnitur sowie Chip und Kompass im Handgepäck – ich hatte da wohl so eine Vorahnung.

Den freien Dienstag nach der Anreise nutzten wir für ein bisschen Sightseeing und gemütliches Jogging im Herzen Istanbuls, wo sich auch unser Hotel befand. Durch die zentrale Lage unserer Unterkunft hatten wir es nicht weit zum Abfahrtsort des Veranstalterbusses, der uns jeden Tag zu den Wettkampforten brachte – so selbstmörderisch waren wir nicht in dieser Stadt selbst mit dem Auto zu fahren.

1. Etappe: Mitteldistanz

Am Mittwoch ging es mit der ersten Etappe im Belgrad Forest los. Nachdem ich die alten Karten aus den Vorjahren studiert hatte, erwartete ich viel Bodenbewuchs und nahm mir daher vor soviel wie möglich auf Wegen zu umlaufen. Tja, diesen Plan warf ich schon am Weg zum ersten Posten über den Haufen und lief quer durch die Gräben und durch den Bewuchs. Zwar fand ich den Posten auf Anhieb, trotzdem kein optimaler Beginn.

Karte 1. Etappe

Munter ging es durch die tiefen Gräben weiter. Der Bodenbewuchs war großteils besser belaufbar als befürchtet, und so wählte ich doch öfter die Direkte anstatt der Umlaufroute auf den Wegen. Ganz fehlerfrei kam ich leider nicht durch, spürbar Zeit verlor ich zu den Posten…

  • 5: Falsche Ablaufrichtung von Posten 4
  • 7: Abzweigung am Weg auf halber Strecke verpasst und nach der Querung des Baches etwas verunsichert
  • 13: Etwas zu hoch im Postenraum
  • 19: Richtungsfehler

In Summe geschätzte zwei Minuten, die ich liegen gelassen hab. So landete ich auf dem 2. Platz mit 28 Sekunden Rückstand auf den Iren Marcus Pinker, das bedeutete 989 Punkte für die Gesamtwertung. Zufrieden, aber nicht überglücklich.

Fotos: Istanbul Orienteering Club

Ergebnis 1. Etappe

2. Etappe: Langdistanz

Die 2. Etappe sollte die längste werden. Auch diese wurde im Belgrad Forest ausgetragen, wodurch man in etwa die gleiche Belaufbarkeit erwarten konnte.

Karte 2. Etappe

Ich lief wieder ein solides Rennen. Zwar keine großen Suchaktionen, aber wieder kleinere Fehler, die sich summierten:

  • 2: Viel zu spät den Bach gequert. Allerdings war dieser auch dort wo ich ihn querte noch ziemlich breit, daher war nicht genau ersichtlich, wo der Bach aufhörte und der See begann.
  • 4: Kurz vorm Posten noch einen Haken geschlagen
  • 7: Zu weit umlaufen
  • 14: Der größte Zeitverlust: Ablaufpunkt verpasst und daher zu weit gelaufen, aber im Hang gleich bemerkt.

Am Weg zu Posten 17 ging dann schön langsam der Saft aus und ich kämpfte mich die letzten Posten eher gemächlich ins Ziel. Am Ende wurde es der 3. Platz mit 3:07 Rückstand, 965 Punkte. Allerdings verlor ich nur 44 Sekunden bzw. 8 Punkte auf den Gesamtführenden Marcus Pinker, da der Tagessieger, der Finne Juha Sorvisto, am ersten Tag nicht gestartet war.

Fotos: Istanbul Orienteering Club

Ergebnis 2. Etappe

Am Abend besuchten Schuarl und ich ein Fußballspiel von Galatasaray – muss man auch mal erlebt haben.

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3. Etappe: Verkürzte Langdistanz

Für die nächste Etappe fuhren wir auf eine Insel. Da vom Veranstalter eigens eine Fähre organisiert wurde, hieß es pünktlich zur Abfahrt zu erscheinen, oder man verpasste den Lauf. Anders als bei den ersten beiden Etappen ging es diesmal auch durch Siedlungsgebiet.

Karte 3. Etappe

Ich startete sehr gut ins Rennen. Trotz eines kleines Hakens bei Posten 2 übernahm ich bald die Führung und auch eine Unsicherheit bei Posten 6 warf mich nicht zurück. Bei Posten 11 verlor ich erstmals mehr Zeit: das Dickicht beim Posten begann etwas oberhalb als eingezeichnet und so lief ich zweimal oberhalb des Postens vorbei, wodurch ich in etwa eine Minute verlor.

Aber es kam noch dicker: der nächste Posten saß leider falsch, nämlich beim nordwestlichen Stein. Zwar lief ich das richtige Objekt nicht optimal an, aber ich war mir sicher dort zu sein als ich am Weg darunter stand. Diesen lief ich auf und ab, fand jedoch keinen anderen Stein und als sich immer mehr Läufer beim richtigen Stein tummelten, ahnte ich schon, dass da was nicht stimmte. So beschloss ich, bevor ich weiterlief, noch kurz zu den Steinen oberhalb zu schauen, wo ich den Posten schlussendlich auch fand. Zeitverlust: mehr als zweieinhalb Minuten. Andere, aber nicht alle, hatten mehr Glück: sie stolperten quasi am Weg von der Forststraße zum Stein über den Posten und merkten erst gar nicht, dass dieser falsch saß.

Dann begann der richtig grausliche Teil der Strecke: grün, grün und noch mehr grün. Die kleinen Wege waren kaum sichtbar, wenn man einen falschen Schritt machte, war der Weg schon verschwunden und man musste sich durch’s Gebüsch kämpfen. Hier verlor ich bis zu Posten 18 bei fast jeder Teilstrecke etwas Zeit, nicht optimal. Beim Schlussteil in der Siedlung konnte ich noch etwas Zeit aufholen, doch schlussendlich reichte es wieder nur zum 3. Platz mit 2:16 Rückstand (957 Punkte). Allerdings konnte ich in der Gesamtwertung 14 Punkte aufholen, da Marcus Pinker 46 Sekunden langsamer war als ich. Der Rückstand vor dem Finale betrug also gerade mal 5 Punkte – eine lösbare Aufgabe.

Ergebnis 3. Etappe

Der König vom Großen Basar

Doch bevor es um die Entscheidung in der Gesamtwertung ging, musste noch der König vom Großen Basar ermittelt werden. Nur wenige Stunden nach der 3. Etappe wurden die Laufschuhe bereits wieder geschnürt, auf einer Karte im Maßstab 1:1.500 ging es durch die engen und schlecht beleuchteten Gassen des Großen Basars (Stirnlampe war also Pflicht!). Die Stimmung konnte kaum besser sein: aus dem Start wurde man förmlich mit lauter Musik hinausgeschossen. Polizisten sorgten dafür, dass die Läufer an den Hausecken und in den engen Durchgängen nicht miteinander kollidierten, und ein für die Zuschauer einsichtbares künstliches Labyrinth hebte die technische Schwierigkeit noch einmal um eine Stufe höher.

Karte Basar Sprint

Eine weitere Herausforderung: die zwei Ebenen. Posten, die sich in der 2. Ebene befanden, wurden mit einem grünen Postenkreis markiert. Und als Draufgabe behinderten auch noch kleine Müllberge (siehe Foto unten) die Laufwege.

Durch den großen Maßstab musste man besonders vorsichtig ins Rennen gehen, gleichzeitig aber versuchen nicht zuviel Zeit zu Beginn liegen zu lassen, denn die Laufzeit betrug um die 15 Minuten. Das gelang mir ganz gut, die ersten drei Posten waren überhaupt kein Problem. Doch dann unterlief mir ein gröberes Missgeschick. Am Weg zu Posten 4 vertat ich mich mit der Reihenfolge und lief zu Posten 5. Selbst beim Posten bemerkte ich meinen Fehler nicht, lief aber zum Glück weiter zu Posten 4 und nicht zu 6. Erst als ich den 4er stempelte und sah, dass es wieder zurück zum 5er ging, dachte ich mir: „Da war ich doch schonmal!“. Jeder, der schonmal in dieser Situation war, weiß, dass man erstmal durchpusten und sich überlegen muss, wo es jetzt eigentlich weitergeht. Also nochmal zurück zu Posten 5 und dann weiter. Dieser Schnitzer kostete mich fast 40 Sekunden – bei einem Sprint ganz schön viel Zeit. Die große Aufholjagd konnte beginnen!

Nach Posten 6 galt es das Labyrinth zu absolvieren. Das war aber einfacher als befürchtet und schon ging es weiter durch die engen Gassen. Es lief jetzt richtig gut und bei Posten 16 konnte ich die Führung übernehmen. Zu Posten 18 wählte ich die Sicherheitsroute und lief wieder hinaus auf den breiten Gang, denn ich wusste nicht, ob und wo (oben oder unten) der schmale Gang auf der direkten Route durchführte (ich kann es ehrlich gesagt jetzt auch noch nicht sagen).

Zu Posten 20 verlor ich rund 10 Sekunden, da ich dachte man könnte die Treppe im schmalen Gang bereits hinauflaufen – dort stand man jedoch an. Weitere 15 Sekunden gingen bei Posten 23 flöten, weil ich die schmale Treppe einfach nicht sah (ehrlich: wie standen zu dritt in diesem Innenhof und suchten verzweifelt den Posten). In Summe also kein optimaler Lauf, über eine Minute liegen gelassen. Da ich recht früh gestartet war, konnte ich schwer einschätzen, wofür es schlussendlich reichen würde.

Erst als wir bereits wieder im Hotel waren und die Ergebnisse online gestellt wurden, war klar: ich hatte tatsächlich gewonnen. Anscheinend kam niemand wirklich fehlerfrei durch, einige wurden aufgrund falscher oder fehlender Posten sogar disqualifiziert, was mir beinahe auch passiert wäre. Der Titel „König vom Großen Basar“ war also mein, und wird es noch bis November sein.

Fotos: Istanbul Orienteering Club

Ergebnis 4. Etappe

4. Etappe: Mitteldistanz – Die Entscheidung

Viel Zeit für Erholung blieb nicht, denn am nächsten Tag stand bereits die vierte Etappe und damit die Entscheidung in der Gesamtwertung an. Die Ausgangslage: knappe 5 Punkte Rückstand auf den führenden Marcus Pinker. Das bedeutete in etwa 15 Sekunden bei 45 Minuten Laufzeit.

Karte 4. Etappe

Es ging wie bei den ersten beiden Etappen wieder in den Belgrad Forest, also steile Gräben und viel Bodenbewuchs. Natürlich wollte ich angreifen, zugleich wusste ich aber auch, dass ein Fehler bereits zuviel sein konnte, denn es gab keine weiteren Läufe mehr um aufzuholen.

Der Beginn gelang mir wieder sehr gut. Doch schon den 8. Posten suchte ich eine knappe Minute (kleine Senke im Unterwuchs). Ich verlor bei den nächsten Posten immer wieder Zeit, obwohl ich sie technisch sauber anlief, aber die Beine fühlten sich bereits ziemlich schwer an. Zu Posten 14 war ich dann kurz komplett von der Rolle. Ich dachte irgendwie ich wäre auf einem anderen Weg und kletterte nördlich in die Büsche. Als mir das doch etwas zu dicht vorkam, schließlich hätte dort meiner Meinung nach weißer Wald sein sollen, kletterte ich wieder heraus. Unnötige, wirklich unnötige 30 Sekunden verloren.

Auch die letzten Posten liefen nicht optimal: zuerst zu Posten 16 eine unnötige Umlaufroute. Dann zu 17 zuviel Zickzack und bei 18 unsauber im Postenraum. Im Ziel angekommen hieß das erstmal Platz 3 mit 4 Minuten Rückstand, allerdings 15 Sekunden Vorsprung auf den gesamtführenden Marcus Pinker. Ob das reichen würde?

Ergebnis 5. Etappe

Es wurde gerechnet und gerechnet. Ich konnte es nicht mehr erwarten und rechnete selbst nach: Pinker 910 Punkte, ich 915. Da waren sie, die 5 Punkte. Was jetzt? Logischerweise würde die bessere Gesamtzeit entscheiden. Da ich die Gesamtzeiten aber nicht wusste, hieß es auf die Siegerehrung warten. Und da wurde verkündet: Pinker vor Plohn! Am Ende entschieden 11 Sekunden zugunsten des Iren. Knapp, aber doch. Zufrieden war ich trotzdem.

Gesamtwertung

Bei der Siegerehrung des Sprints, die auch erst am letzten Tag durchgeführt wurde, konnte ich immerhin noch einen Kompass abstauben.

Siegerehrung Sprint

Siegerehrung Sprint

Foto: Istanbul Orienteering Club

Im Großen und Ganzen eine gut organisierte Veranstaltung. Die Karten und Bahnen waren bis auf Kleinigkeiten in Ordnung. Der Transport klappte immer reibungslos. Und das Drumherum passte auch. Istanbul 5 Days: auf jeden Fall eine Reise wert.

Website des Veranstalters: ist5days.com

Da wir Hotel und Flug bereits vor der Programmänderung gebucht hatten, blieb uns der Sonntag noch für ein wenig Sightseeing. Von den Wahlen bekamen wir dabei kaum etwas mit. Und beim Heimflug kam diesmal sogar das Gepäck sofort an.

            

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