Markus Plohn

Kytäjä-Jukola 2010 – sensationell!

Zum ersten Mal in der Geschichte des HSV OL Wiener Neustadt stellte der Verein eine eigene Mannschaft bei der Jukola, der größten Orientierungslaufstaffel der Welt mit über 1.500 startenden Teams bestehend aus jeweils 7 Läufern. Unser Team setzte sich aus folgenden Läufern zusammen:

Stephan Seeböck
Martin „Bränsch“ Brantner
Michael „Much“ Stockmayer
Michael Auer
Roland Fesselhofer
Markus Plohn
Pierre Kaltenbacher

Die Bundesheerzeltstadt – ein Zelt davon gehört uns

Am Freitag noch gähnende Leere bei der Jukola

Nach einem späten OL-Training direkt neben dem Wettkampfgelände am Freitag abend ist klar: das wird kein leichtes Unterfangen. Eine sehr detaillierte Karte und ruppiges Gelände – da sind viel Kompassarbeit und starke Oberschenkel gefragt.

Karte Training 1
Karte Training 2 (Posten aus Gedächtnis eingezeichnet, daher eventuell nicht ganz richtig)

Vor dem Training: teilweise optimistisch …

Am Samstag werden die Startnummer verteilt und die Spannung steigt immer mehr. Pierre und ich laufen noch ein Training um uns mehr auf Karte und Gelände einzustellen – da wir die letzten beiden Strecken laufen haben wir genügend Zeit zur Regeneration. Kurz darauf fällt um 14:00 Uhr der Startschuss zur Venla – die abgespeckte Version der Jukola für Damen bestehend aus je vier Läuferinnen.

Die Startnummern sind vergeben, jetzt kann’s losgehn!

Samstag: die Massen reisen an

Auch bei der Venla sind über 1.000 Teams am Start

So genießen wir also erstmal als Zuseher die Damenstaffel und können beim GPS-Tracking, das via Videowall gezeigt wird, schonmal einen Blick auf die Wettkampfkarte werfen. Kurz nachdem die Siegerstaffel der Venla einläuft, fallen die ersten Regentropfen. Bis Sonntag früh soll es ein Wechselspiel aus starkem und leichtem Regen werden.

Eine von zwei Videowalls im Zielgelände

Viele Zuschauer verfolgen mit Spannung die Venla

Nach der Venla heißt es Warten auf den Start der Jukola. Stephan, unser Startläufer, macht sich langsam bereit – Kompass, Emit, Startnummer, Stirnlampe – alles da!

Stephan bereit zum Massenstart

Pünktlich um 22:55 Uhr zum Sonnenuntergang fällt der Startschuss zur Jukola und mehr als 1.500 Läufer stürmen aus dem Stadion – was für ein Gedränge! Und wie immer gilt: ein Bild sagt mehr als tausend Worte – ein Video sagt mehr als tausend Bilder. Also bitte:

Nachdem die niedrigen Startnummern nach dem Vorjahresergebnis und anschließend nach Anmeldereihenfolge vergeben werden, haben wir die Nummer 728, was soviel wie den 728. Startplatz und daher eine der mittleren Startreihen bedeutet. Somit hat es Stephan zu Beginn nicht so einfach, trotzdem macht er seine Sache gut und übergibt als 529. an Martin.

Dieser muss als einziger seinen ganzen Lauf in der Dunkelheit absolvieren und seinen Schilderungen nach seinem Lauf nach zu urteilen war es eine Mischung aus Laufen gegen eine Dickichtwand und illegalem Glücksspiel. Trotzdem kann er einige Plätze gut machen und schiebt uns an die 388. Stelle.

Much läuft ebenfalls noch teilweise im Dunklen, holt 69 Plätze auf (319. Platz) und übergibt an Michi, der bereits ohne Stirnlampe in den Wald gehen kann.

Leider hat Michi vor allem gegen Ende seines Laufs ein paar Probleme und verliert 29. Plätze, was den 348. Zwischenrang bedeutet. Nun ist nur noch Roland an der Reihe, dann darf ich schon auf’s Spielfeld. Ich mache mich also fertig und gehe in die Aufwärmzone. Bei einem Terminal kann man mit seinem Emit nachsehen, wo sich der Vorläufer gerade in etwa befindet und an welcher Stelle er liegt. Als ich das erste Mal kontrolliere, hat Roland die 2,7 km-Marke bereits passiert. Dann heißt es Warten, Aufwärmen und immer wieder kontrollieren, ob Roland schon weiter ist.

Bereits 50 Minuten vergangen und Roland ist noch immer nicht bei den 4 Kilometern – was ist da los? Entweder hat er gröber eingebaut oder er ist verletzt. Ich warte also weiter und irgendwann am Terminal plötzlich die frohe Botschaft: Roland ist bereits bei den 5,4 Kilometern vorbei. Der Funkposten bei 4 km hat anscheinend nicht ausgelöst.

Ein Kilometer also nur noch, die Spannung steigt. Ich laufe abwechselnd zwischen Terminal, Zuschauerbrücke und Kartenübergabe hin und her und irgendwann kommt mir, dass ich Roland verpassen könnte. Nachdem ich sowieso bereits genug aufgewärmt habe, beschließe ich bei der Kartenübergabe zu warten.

Und es dauert nicht mehr lange, bis Roland mit meiner Karte in der Hand angelaufen kommt und los geht’s! Roland hat wieder 54 Plätze aufgeholt und schickt mich an 294. Stelle liegend ins Rennen.

Karte mit Bahn und Route
Jukola Website
Ergebnis HSV OL Wiener Neustadt

Am Weg zum Startpunkt ist genügend Zeit zum Karte Falten und Route planen, immerhin beträgt dieser mehrere hundert Meter. Die ersten Posten gehe ich supersicher an: langsames Tempo und von Objekt zu Objekt orientieren – und immer Richtung kontrollieren!

Posten 1: Den Hang hinauf und auf der anderen Seite in der langgezogenen Mulde hinunter zum Sumpf. Mit Kompass durch den Sumpf und neben dem Felsen über die Nase und in die Mulde hinein. Ich sehe den Hügel bereits vor mir, der Posten muss dahinter sein, ich muss aber zuvor noch einem riesigen quer liegenden Baum ausweichen. Dann geht’s zum Hügel, da ist auch schon der Posten, ich stemple – juhu, mein erster Jukolaposten!

Posten 2: Ich umlaufe erstmal den Hügel und quere den Sumpf wieder mit Hilfe meines Kompasses. Auf der anderen Seite den Hügel hinauf und den Hang entlang. Ich kreuze die breite Mulde etwas zu früh, fange mich aber sofort bei den Felsen auf und korrigiere. Im Postenraum schwimme ich ein wenig dahin, aber zum Glück sehe ich bald den Postenschirm.

Posten 3: Mit dem Kompass geht’s hinunter zum Bach, zum ersten Mal läuft ein anderer Teilnehmer in die gleiche Richtung und ich hänge mich erstmal dran. Er ist zwar etwas schneller, aber ich kann noch mitkontrollieren. Kurz vorm Posten muss ich abreißen lassen, aber ich weiß genau wo ich bin und finde den Posten sofort.

Posten 4: Einmal auf den Kompass schaun und hinaus auf die Forststraße. Bei der Biegung wieder mit dem Kompass hinein in den Wald auf den Hügel, am nächsten Hügel ist der Posten – kein Problem.

Posten 5: Ich wähle die Sicherheitsroute und laufe gleich wieder zurück zur Forststraße. Kurz vor der Getränkestation biege ich in den Wald ab, der Sumpf ist gut zu erkennen, dahinter der Posten. Läuft ja wie am Schnürchen!

Posten 6: Wie so oft: Kompass. Bei der Getränkestation nehme ich drei Becher und weiter geht’s. Ich bemerke, dass sich zwei andere Läufer bei mir eingeklinkt haben – hoffentlich irritieren sie nicht, dennoch ist es ein tolles Gefühl Busfahrer zu sein. Über den langgezogenen Hügel geht es in die Mulde und zum Posten.

Posten 7: Was für ein Posten! Eine Teilstrecke von 1840 Metern, gelaufen bin ich (inklusive Fehler) 2560 Meter – für einen Posten. Also los geht’s: Einen guten Plan hab ich nicht, erstmal mit Kompass zur Forststraße. Dort versuche ich eine Route zu finden, überlege kurz die Forststraße auszulaufen, ist mir aber zu weit und da ich nichts wirklich Gutes finde, laufe ich einfach los.

Die beiden anderen Läufer, die ich bereits zu Posten 6 mitgenommen habe, hängen sich wieder dran. Einer der beiden reißt aber bald ab und somit sind wir nur noch zu zweit – ein Finne und ich. Bei den Anstiegen kann ich mich immer ein bisschen absetzen und wäre es um den Sieg gegangen hätte ich mich wahrscheinlich absetzen können, so aber bleibe ich oben angekommen immer stehen und kontrollier unseren Standort bis der Finne wieder aufschließt. Ich behalte ihn mir sozusagen als Sicherheit auf.

Bei dem Felsen kurz vor dem Kahlschlag in der Mitte der Teilstrecke sage ich: „We already got the first half.“ und der Finne pustet durch. Eine Freundschaft entsteht. Bei eben diesem Kahlschlag weiß ich noch genau, wo wir sind, doch dann verliere ich die Konzentration und den Kartenkontakt. Ich versuche unseren genauen Standort zu finden, doch plötzlich läuft der Finne voraus. Ich denke mir, er weiß wo wir sind und hänge mich dran. Aber ich finde nicht mehr in die Karte zurück.

Auf einem Hügel bleiben wir stehen, lange stehen. Doch das hat keinen Sinn da jetzt zu probieren herauszufinden wo wir sind, also laufe ich einfach weiter. Jetzt hilft nur noch Plan B: entweder fängt uns der See oder der Weg auf. Es ist der Weg, ich sehe ihn unten vor mir, als ich oben auf einem Hügel ankomme. Ich teile dem Finnen meine Erkenntnis mit und wir korrigieren Richtung Süden. Kurz vorm Posten biege ich rechts ab, da ich dort den Posten vermute, mein Finne läuft gerade weiter. Gut, da ist ein Posten, aber der falsche. Zu meinem Glück stempelt ein anderer Läufer. Ich fackle nicht lange und frag ihn nach dem Standort, er zeigt auf seine Karte und schon ist mir klar: mein Finne lief richtig.

Mist! Mit hohem Tempo geht’s zum Posten, da ist er – mein Finne ist weg. Ob er den Posten schon hat? Egal.

Posten 8: Mein Finne ist wieder da. Natürlich war er vor mir bei Posten 7, aber kurz danach hole ich ihn bei der Felsenrunterkletterei wieder ein. Bei der Getränkestation kippe ich wieder ein paar Becher und weiter geht’s. Da habe ich, neben meinem Finnen, wieder mehr Läufer im Schlepptau, nämlich zwei weitere. Der Posten ist recht einfach, den hohen Hügel hinauf und auf der anderen Seite hinunter. Wenn man brav Richtung kontrolliert, kann nicht viel passieren.

Posten 9: Auch dieser Posten bietet keine Schwierigkeiten. Den Hügel im Sumpf entlang und im richtigen Moment hinaufstechen. Die anderen folgen mir.

Posten 10: Ich wähle die Sicherheitsvariante über den Weg und laufe erst spät den Hügel hinauf. Dafür finde ich den Posten ohne Probleme. Natürlich folgt mir mein Finne, die anderen wählen anscheinend eine andere Route und waren nicht mehr gesehen.

Posten 11: Erstmal mit dem Kompass zum  Bach und diesen entlang. Dann rechts abbiegen und die Felswand hinauf (mein Finne hat etwas Probleme …). Leider gerate ich dann etwas zu weit rechts und verfehle den Sumpf. Komme somit immer weiter rechts und weiß nicht mehr genau, wo ich bin. Ich drehe mich um: mein Finne ist verschwunden. Nein! Na gut, nutzt ja nichts. Ich versuche nachzuverfolgen, wie ich gelaufen bin und korrigiere nach links. Auf einer Nase kann ich mich endlich auffangen und finde den Posten auch bald. Aber mein Finne ist weg. Schade.

Posten 12: Ich laufe erstmal den Sumpf entlang, plötzlich grüßt mich Kerschi und überholt mich. So ein Zufall! Nach einem kurzen Pläuschchen erfahre ich, dass er an ca. 80. Stelle liegt und er den gleichen nächsten Posten hat – 143. Ohne zu zögern hänge ich mich an und bald haben wir den Posten auch schon gefunden.

Posten 13: Alleine geht’s weiter. Posten 13 ist kein Problem, einfach Richtung halten.

Posten 14: Ich hänge mich an einen flotten Läufer an, kann auch unseren Standort mitverfolgen. Bei der großen Felswand biegt er ab und ich orientiere alleine weiter. Kleiner Felsen, Sumpf, Hügel – alles da – der Posten auch.

Posten 15: Ein kurzer Posten. Durch den Sumpf und bei den Hügeln vorbei, der Posten sitzt in einer Mulde. Alles schön mitzulesen.

Posten 16: Ich bin ganz alleine – sehe fast keine anderen Läufer. Wieder kann ich vorausschauend laufen. So macht auch dieser Posten keine Probleme.

Posten 17: Die letzte Getränkeaufnahme und weiter. Den Hang hinunter durch die breite Mulde, neben der Felswand hinauf, das Dickicht entlang, durch die kleine Mulde, zwischen den Felsen und auf zum Posten. So soll Orientierungslauf sein!

Posten 18: Nach 100 Metern wiedermal eine Felswand hinunterzuklettern, diese ist aber wirklich steil. Irgendwie rutsche ich hinunter und verliere das Kontrollblättchen von meinem Emit. Ich klaube es auf und überlege kurz, ob ich es überhaupt noch montieren soll, schließlich lagen im Wald schon einige von anderen Läufern herum. Doch dann denke ich mir, dass es ziemlich dumm wäre, wenn eine der letzten Emit-Stationen nicht funktioniert und spanne das Blättchen wieder ein. Zur Sicherheit behalte ich den Daumen drauf um es nicht nochmal zu verlieren. Kurz vorm Posten lasse ich mich von anderen Läufern ablenken und biege nach links ab, bemerke meinen Fehler aber sofort und finde den Posten ohne weitere Probleme.

Posten 19: Der vorletzte Posten! Richtung halten und Gas geben. Den Posten kenne ich schon, den konnte man sich vorher bei der Venla als Zuschauer schon einprägen. Null Problemo!

Posten 20: Vollgas runter. Auch hier weiß ich bereits, welcher „mein“ letzter Posten ist, schließlich gibt es drei verschiedene. In der Laufinformation stand aber bereits, welcher Läufer welchen Posten hat. Stempeln und ein langer, langer Zieleinlauf.

Aus einer Kartenübergabe wird aber leider nichts, Pierre war bereits beim Massenstart gestartet. So kann ich bereits nach dem Stempeln des Zielpostens meinen Lauf beenden und muss nicht mehr zu den Karten und weiter zur Übergabe laufen.

Immerhin habe ich 32 Plätze aufgeholt und bin als 262. ins Ziel gelaufen. Pierre kann als Schlussläufer nochmal 35 Plätze gutmachen, aber da bin ich bereits am Weg zum Flughafen.

Fertig. Und wie war es? Toll! Mir gelang ein meiner Meinung nach guter Lauf. Der Fehler auf der langen Teilstrecke ist mir erst gar nicht bewusst, nur der zu Posten 11. Ich schätze ihn erstmal auf 2 Minuten. Laufzeit: 96:25. Für 9,3 Kilometer in diesem Gelände akzeptabel.

Nach Analyse der Zwischenzeiten im Internet die Ernüchterung: bei Posten 11 habe ich 11:24 verloren. Viel zu viel! Der Umweg kostete vielleicht 2 bis 3 Minuten, dazu eine Minute im Postenraum. Vielleicht hätte ich mir doch eine Minute Zeit nehmen sollen um die Route besser zu planen, die flachen Täler ausnützen und über weniger Hügel klettern, hätte auch Kraft gespart.

Eines unserer beiden Ziele haben wir erreicht, das andere nicht:

  • Endplatzierung unter den top 250 – erreicht mit Platz 227.
  • Kein Massenstart – leider nicht erreicht, dazu waren wir ca. 20 Minuten zu langsam.

Ein großes Danke an unseren Organisator Pierre und natürlich auch an all meine Teamkollegen. Es war wirklich ein tolles Erlebnis!

Ob mich die Jukola je wieder sieht? Also so wie an diesem Wochenende eher nicht. Wenn dann in Verbindung mit einem Trainingslager vorher und einer festen Unterkunft. Die ganzen Strapazen für einen einzigen Lauf sind einfach zu viel.

Trotzdem waren Atmosphäre, Karte, Bahn und Lauf toll, vielleicht gibt es ja bald wieder ein Team des HSV OL Wiener Neustadt bei der Jukola.

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  • Lässiger Bericht! Da bekommt ich wieder so richtig Lust auf OL. Im August rauf zur WOC nach Trondheim. Vielleicht gelingt es mir ja nächstes Jahr auch mal zur Jukola zu kommen…..